Wildschweine vor dem Gehege & sonstige Bekanntschaften


Erstens kommt alles anders und zweitens, als man denkt

Nachdem ich im Frühjahr diesen Jahres zum ersten Mal im Tegeler Forst war (hier gibt es einige Fotos vom April zu sehen), startete ich heute meine Runde noch einmal dorthin, denn es war schon Mittag und es blieb nicht mehr viel Zeit für eine ausgedehnte Tour.
Los ging es mit dem Glockenschlag um 12 Uhr an der Kirche in Alt-Tegel, hinunter zu den Greenwichpromenaden/Seeterrassen:

Das Wetter war zum Mittag leider umgeschlagen, die Sonne war weg, sollte aber zum Nachmittag nochmal für 1 bis 2 Stunden raus kommen. Von den Seeterrassen ging es weiter über die Sechserbrücke und einige kleine Wege am Ufer entlang, bis ich für ein paar Fotos einen übersichtlichen Blick auf das Wasser bekam, wenn da der Nebel nicht gewesen wäre.

Vom nebelbedeckten Tegeler See ging es weiter an der Malche entlang bis zum „Schwarzer Weg“. Heute wollte ich mir das Wildtiergehege ansehen, was mir bisher bei Wanderungen immer misslang! Einen Graureiher konnte ich noch entdecken, bevor dieser mit Flügelschlag von dannen zog.

Auf besagtem Schwarzer Weg bog ich aber nicht gleich nach links auf den Hauptweg ab, sondern ging erstmal geradeaus den Waldweg Mühlenweg entlang, die erste Abzweigung wieder links, um dann wieder rechts auf den „Schwarzer Weg“ zurück zu gelangen.
Ein Weg durch bunten Wald, wenngleich vielerorts das Laub schon von den Bäumen gefallen war und der diesig-vernebelte Tag die Stimmung in ein besonderes Licht setzte, was mit meinen überwiegend gemachten Smartphone-Fotos aber nur mittelmäßig wieder gegeben werden kann.

Die GPS-Daten, die im Wald immer mal wieder versagten, verrieten mir, das rechts einbiegend auf den „Schwarzer Weg“ das Wildtiergehege nicht mehr weit sei. Als ich das laute Grunzen von Wildschweinen vernahm, ahnte ich: ich bin richtig. Ich zückte schon meine Kamera, aber irgend etwas sagte mir, das hier was nicht stimmt. So viele Wildschweine vor mir, so nah – die wären doch in freier Wildbahn längst weg (ergo muss es das Gehege sein, ich habe bestimmt nur den Zaun übersehen). Ich suchte den Zaun, der aber tatsächlich nicht vorhanden war.

Es waren 4 kleine Wildschweine, von Frischlingen kann man nicht mehr reden, die ca. 2m vor mir standen und im Boden nach Essbarem wühlten. Als ich mich umdrehte, war hinter mir das Wildschweingehege. Da war mir klar: diese „kleinen“ Wilden stehen mir in freier Wildbahn gegenüber. Das bringt erstmal Schnappatmung. Mein lieber Scholli!

– Suchbild

Ich ging also ganz langsam Richtung Zaun, da sah mich ein weiteres Wildschwein, erschrak über mich und zog mit quiekenden Gegrunze in die Büsche, ganz so, als sei es total empört von meinem Auftreten.
Ein wenig schmunzeln musste ich da schon, denn es hatte eine gewisse Situationskomik. Das war tatsächlich mein erster (und so naher) Wildschweinkontakt und: ich habe sie zum ersten Mal nicht gerochen! Darüber war ich auch sehr irritiert.

Und dann nahm meine Wanderung noch eine ganz andere Wendung, denn es ergab sich heute eine unerwartete „Mitläuferschaft“, was dann letztendlich zu einem gemächlichen Spaziergang mit angeregtem Gespräch wurde. Und somit wanderten wir gemeinsam durch den Forst.

Ich wollte mir heute nochmal die Dicke Marie ansehen und den höchsten Baum Berlins, das haben wir dann zusammen gemacht. Ich zeigte ihr diese beiden Bäume, worüber sie sich sehr freute. Mehr hatte ich mir für die Tour heute auch nicht vorgenommen.

Zusammen gekommen sind ungefähr 10 Kilometer bei 6 Stunden wandern. Zwischendurch war das Tracking immer mal wieder gestoppt und durch das Quatschen hatte ich auch nicht immer sofort dran gedacht, das weiter fortzuführen. Meine Route sieht heute also etwas „wirr“ aus (wer sich das auf Komoot ansieht), Wandern erfordert eben auch Konzentration.

Da dieses Gespräch ein nicht ganz alltägliches für mich war, hallt das noch immer in mir nach und ich versuche, mit dieser Begegnung kongruent zu werden, allerdings nicht, was die Inhalte betrifft. In Zeiten einer Pandemie und der ganzen, auch politischen Entwicklung sind wir sicherlich alle ziemlich dünnhäutig geworden. Aber bevor ich mir eine Meinung über einen Menschen bilde, rede ich sehr gerne vorher mit ihm, wenn ich merke, dass da kein radikales Denken und Feindseligkeit vorherrscht.
Mein Gespräch heute empfand ich als sehr angenehm, ich weiß aus der Erfahrung heraus aber auch, das dies nicht ungewöhnlich bei dieser Thematik ist, wo Subjektivität höher bewertet (bzw. nur das -und eigene- akzeptiert) wird, als Objektivität.
Nichts desto trotz: ich wurde nicht angefeindet, wir haben 3 Stunden achtsam miteinander reden können, haben unterschiedliche Sichtweisen ausgetauscht und vielleicht sehen wir uns mal wieder, wenn ich in der Nähe bin. Ich denke schon, das ich das machen werde, auch: um zu erfahren, ob sie weitestgehend „gesund“ über den Winter gekommen ist.
Mit dem Wandern wollte ich zwar Corona klar getrennt ausklammern, aber diese Bereitschaft, mit mir darüber offen reden und das ohne missionieren und mich von der Gegenmeinung überzeugen zu wollen und auch in dieser achtsamen Weise; doch, das hat mich schon ein bisschen beeindruckt. Das hat Seltenheitswert (wird mir meist feindschaftlich verweigert) und ich verbuche das unter eine schön gemachte Erfahrung – trotz alledem!

Frei nach „The Birds“ verabschiedete sich der See von uns mit eintretender Dunkelheit und lautem Getöse, denn mittlerweile war es fast schon 18 Uhr.

„Bleib gesund“ rief ich ihr im umdrehen noch zu, als ich zur U-Bahn huschte, dann hatte uns der Großstadtdschungel wieder.